MARE NOSTRUM – COMPASSION FATIGUE2019-02-20T08:08:39+00:00

Project Description

MARE NOSTRUM – COMPASSION FATIGUE

MARE NOSTRUM – COMPASSION FATIGUE

Linolschnitt, Dyptichon auf Maulbeerpapier, zweifarbig, H 335 cm x W 315 cm, 2018/2019

Links:
Eine verfremdete Karte des Mittelmeers, die Küstenlinien Afrikas und Europas massiv voneinander entfernt, die Inseln fehlen.
Rechts:
Was aus der Distanz als Farbfläche erscheint, löst sich beim Nähertreten in ein dichtes Geflecht sich überlagernder wellenförmiger Linien auf.

Beide Seiten sind von Hand mit der gleichen Linolplatte (230×130 cm) gedruckt: 2 Mal auf der linken Seite, 8 Mal auf der rechten Seite.

Die Arbeit ist eine Reaktion auf die andauernde Flüchtlingskrise im Mittelmeer und reflektiert die Abstumpfung nachdem zahllose Medienberichte nicht zu einer adäquaten kollektiven Antwort geführt haben.

Erstmals gezeigt am

HAUGESUND INTERNATIONAL FESTIVAL OF RELIEF PRINTING  (HIT 2019)
Haugesund Museum of Fine Art/Haugesund Billedgalleri, Norwegen

On the left:
A distorted map of the Mediterranean Sea with the coastlines of Africa and Europe massively shifted away from each other, the islands missing.
On the right:
What from a distance appears like a uniform color field, dissolves into a dense web of overlapping wavy lines.

Both sides are hand-printed with the same linoleum plate (230x130cm):
2 times on the left side, 8 times on the right side.

The piece is a reaction to the persisting refugee crisis in the Mediterranean and reflects the blunted affect after countless media reports have not lead to an adequate collective response.

AUSZEIT AM MITTELMEER

Im September 2018, während der Arbeit an MARE, verbrachten wir unsere Ferien an der Südküste Siziliens, die übrigens weiter südlich liegt als Teile der Küste Nordafrikas.
Für das «feuilleton» der visarte zentralschweiz zum Thema «Auszeit» enstand in diesen Tagen der folgende Text.

Am Morgen tanzen am Grund des seichten Wassers lichte Netze über den geriffelten Sand.
Die Eisentür zu unserem kleinen Innenhof mit ganz wenig Schwung zuschletzen und dann zuerst die Pflanzen giessen. Die luftige Bougainvillea, den absurden Feigenkaktus, den schmutzenden Jasmin und zum Schluss den Aufgeplusterten mit dem neu gelernten Namen: Plumbago.
Auch hier wird das Meer am Abend zur silbernen Schale. Das Wasser perlt blitzend von meinen Armen, darüber der Himmel, riesig. Niemand, nicht einmal James Turrelll, macht so feine Farbverläufe. Weit draussen ein grosses Boot, das sich nur langsam nähert. Es werden wohl Fischer sein. Dort wo die Sonne untergeht, muss irgendwo Tunis sein. Und dort im Süden, schon im Dunkel, die lybische Küste.
Vor dem Duomo sitzt ein dicker Bettler auf dem Boden und spricht mich an: MANGIARE. Er streckt mir seinen Pappbecher entgegen: PER FAVORE. Blicklos gehe ich an ihm vorbei und schaue, dass ich beim Hinausgehen in einer kleinen Gruppe bin. Auch am jungen Schwarzen vor dem SPAR, der wie absichtslos ein Baseballcap vor sich hinhält, gehe ich zunächst vorbei, mache dann aber eine Münze bereit, um sie ihm beim Hinausgehen zuzustecken. Meine Partnerin wird wenig später ihr Portemonnaie hervornehmen und kurz zum Eingang zurückgehen. Wir sprechen nicht darüber.

Für September ist das Wasser viel zu warm, zum Schwimmen wunderbar. Es geht mit jedem Tag leichter, der Atem beginnt zu fliessen, wird eins mit der Bewegung. EIN – AUS – EIN – den kleinlichen Streit – EIN – AUS – EIN – bei einer Wohungsabnahme – EIN – AUS – EIN – fortschieben – EIN – AUS – EIN – die Enttäuschung über – EIN – AUS – EIN – die erneute Absage bei – EIN – AUS – EIN – der Jahresausstellung – EIN – wegschnauben – EIN – AUS – EIN – dort unten zwischen grossen bemoosten Steinen liegt etwas Bleiches auf dem Grund. In drei kurzen Stössen bin ich zurück, hole Luft und tauche um besser zu sehen: ein Stück weisse Gummisohle, so gross wie mein Handteller. das Profil gerade noch erkennbar: halbmondförmige Bögen mit kleinen Kreuzen.
Um schwarze Inseln aus wogendem Seegras ziehen silberne Fische.
In den Ritzen des Steinbodens im Hof wurzelt eine kleine Kriechpflanze, die mir in der Schweiz in diesem zu trockenen Sommer zum ersten Mal aufgefallen ist. Die Grösse der ledrigen, vollkommen ovalen Blättchen scheint relativ zur Länge der jeweiligen Ästchen zu sein, was der namenlosen Pflanze etwas merkwürdig Fraktalartiges verleiht: an den jüngsten, kaum zentimerlangen Zweiglein sind sie winzig, dabei aber schon dunkelgrün und scheinbar vollständig ausgebildet. Wenn man eines der roten Ästchen abbricht, tritt ein Tröpfchen milchige Flüssigkeit aus.
DESERTIFICAZIONE IN SICILIA – fordert Auszeit von pseudohumanitärer – L’AXE POPULISTE TRANSALPIN – all NGO ships banned from – auf der Piazetta bündelt die Kioskhalterin spätabends die unverkauften Zeitungen und presst die Luft aus den Strandtieren.